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AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Geschichten die das Leben schreibt
#1Ungelesener BeitragVerfasst: 28. Dez 2008, 19:22 
Heute sind mir beim Aufräumen einige Ausgaben der Hospiz Zeitung in die Hände gefallen und folgenden Bericht wollte ich euch nicht vorenthalten



Trauriger Abschied in Etappen

Das Jahr 1998 war für mich ein Schicksalsjahr.
Mein Mann, der immer sehr hohe Anforderungen an sich selbst stellte, konnte sie plötzlich nicht mehr so wie gewohnt erfüllen. Er begab sich in die Hände eines neurologischen Facharztes.
Die Diagnose nach sehr speziellen Untersuchungen lautete „ALZHEIMER". Der Arzt war sehr bestürzt - mein Mann war erst 56 Jahre alt - und hat ihm die Störungen mit kognitiven Beeinträchtigungen erklärt. Die niederschmetternde Diagnose „Alzheimer" wurde nur mir genannt mit der Aufforderung, noch so viel wie möglich mit meinem Mann zu unternehmen - zu reisen und andere schöne Dinge zu tun.
Ein Jahr nach dieser traurigen Mitteilung musste er auch seinen geliebten Beruf aufgeben. Wir gingen oft ins Theater, besuchten als Seniorengasthörer die Uni in Paderborn und machten noch drei schöne Reisen. Ein Arzt in Münster, Schulmediziner mit Ausrichtung Naturheilverfahren, hat mit besonderen Vitamingaben und Sauerstoffbehandlung den Krankheitsverlauf zu Beginn etwas verzögern können.
Für mich stand immer fest, meinen Mann selbst zu pflegen. Wir kannten uns seit 1965 und nach Abschluss seines Studiums wurde 1969 geheiratet. Zwei Söhne wurden uns geschenkt, denen mein Mann ein liebevoller und kameradschaftlicher Vater war.
Leider nahm die Krankheit ab 2003 einen rapiden Verlauf mit sehr vielen
Persönlichkeitsstörungen. Mein Mann benötigte eine Betreuung, und da er keine Vorsorgevollmacht mehr erstellen konnte, wurde ich vom Amtsgericht als Betreuerin für ihn bestellt. Kurze Zeit war die Tagespflege sehr hilfreich, doch dann nahm die Unruhe und Orientierungslosigkeit besonders in der Nacht so zu, dass unsere Söhne auch meine Gesundheit in Gefahr sahen. Von Freunden bekamen wir aus der Hannoverschen Zeitung einen ausführlichen Bericht von einem speziellen Haus an der Weser zugeschickt, das beispielhaft in der Alzheimerbetreuung dargestellt wurde. Laut Bericht war bei Anmeldung mit Wartezeiten zu rechnen.
Im November 2004 bekam ich auf meine telefonische Anfrage die Mitteilung, dass ein Platz frei wäre. Gemeinsam mit unseren Söhnen sind mein Mann und ich zum Weihnachtsbasar dieses Hauses gefahren, um es uns anzusehen. Wir waren beeindruckt. Mein Mann ließ sich sofort in die kleine Wohnküche des „gelben Bereiches" (so der Name der Alzheimerabteilung) einladen und wurde mit Waffeln und Kirschen verwöhnt. Die Entscheidung war gefallen, am 05, Januar 2005 war der Umzug - für mich ein ganz trauriger Tag.
Über dem Eingang der Wohnküche stand „Nachtcasino". Für Bewohnern, die abends noch nicht schlafen wollten
(20 Bewohner, Männer und Frauen,
3 Pflegekräfte), wurden noch Chips und vom Abendbrot übrig gebliebene Schnittchen bereitgestellt.
Die Philosophie des Hauses war: Unterbringung in Zweibettzimmern, damit sich keiner einsam fühlt. Jeder Bewohner konnte etwas von zu Hause mitbringen (Sessel, Kommode, Tisch oder etwas Berufsbezogenes). Gewünscht war auch eine familiäre Bildergalerie an der Wand um das Bett herum. Die Türen der 10 Bewohnerzimmer blieben immer geöffnet. Jeder Bewohner konnte in alle Zimmer gehen, was auch sehr gern genutzt wurde. Der Flur war mit Sofaecken und alten Kommoden bestückt und
sah sehr gemütlich aus. Es war kein Muss, bis 9.00 Uhr oder 10.00 Uhr alle versorgt zu haben. Wer von den Bewohnern länger schlafen wollte, durfte das. Das Ganze wurde von der Heimleitung „Normalisierungsprinzip" genannt.
Dreimal in der Woche besuchte ich meinen Mann und ging mit ihm spazieren. Landschaftlich lag das Haus wunderbar und mit Blick auf die Weser sind wir viel an der frischen Luft gewesen. Je nach Jahreszeit hatte ich frisches Obst dabei, was dann während einer Bankpause verspeist wurde.
Als mein Mann noch zu Hause war, wurde sein Sprachvermögen sehr schnell beendet. Ich deutete es so, dass er merkte, dass sein Ausdruck schlechter wurde und er sich darum ganz in die Sprachlosigkeit zurückzog. Nach dem Frühstück las ich ihm dann oft laut und deutlich aus der Zeitung vor. Fragen und Vorwürfe machten ihn aggressiv. Laut Alzheimerinformation ist „Validation" angesagt, d.h. keine Fragen stellen, freundlich und lächelnd bei der Ansprache anschauen und langsam sprechen.
.
Bei einem meiner Besuche meines Mannes hatte ich einen bewegenden Moment. Ich half ihm beim Abendessen, denn allein zu essen war nicht mehr möglich. Während er aß, erzählte ich immer langsam, Satz für Satz, etwas von zu Hause. Als ich dann auf das Essen zu sprechen kam (Toast Hawai) und noch sagte: "Das isst du doch besonders gern und sicherlich schmeckt es", kam nach einigen Minuten ein ganz klares "Ja". Nach der jahrelangen Schweigsamkeit war ich sehr gerührt!

Da man an Alzheimer nicht stirbt, hat mein Mann seine Ruhe im Krankenhaus gefunden, infolge einer Lungenentzündung. Die Söhne und ich haben stundenlang an seinem Bett gesessen und Abschied genommen mit Austausch vieler Erinnerungen.

Er war ein toller Ehemann, ein liebevoller Vater und Großvater sowie ein wunderbarer Freund und geschätzter Kollege.


„Gute Nacht, Freunde"
von Reinhard Mey war das Schlusslied an seiner Trauerfeier.


Quelle:

BlickWechsel Sommer 2007
Zeitung des ambulanten Hospiz und Palliativ Dienst Lippe



und von dieser, auf dementiell erkrankte Menschen spezialisierten Einrichtung, ist die Rede

http://www.seniorenpflegeheim-polle.de/


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