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 Betreff des Beitrags: Re: Was hältst Du vom persönlichen Budget?
#37Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Feb 2014, 11:05 
Viele Mitglieder haben für die Pflege Ihres Angehörigen den Beruf aufgegeben und so viel ich weiß ist bisher keiner verhungert.
gipsyking hat geschrieben:
Da kann man nur hoffen, dass man stirbt bevor das Geld alle ist.

Dein Mann oder dein Angehöriger?


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 Betreff des Beitrags: Re: Was hältst Du vom persönlichen Budget?
#38Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Feb 2014, 11:48 
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Viele Mitglieder haben für die Pflege Ihres Angehörigen den Beruf aufgegeben und so viel ich weiß ist bisher keiner verhungert.


Das ist richtig. Und man tut ja gern vieles - auch in finanzieller Hinsicht - für seine Angehörigen.

Aber dennoch ist ein großer "Geburtsfehler" (dessen Wunsch nach Änderung das persönliche Budget und die Hilfe zur Pflege überhaupt in den Augen der "Johanneses" noch "unverschämter" macht,) dass alle Hilfe erst greift, wenn alle eigenen Mittel vollständig aufgebraucht sind.

Das ist schon für ein älteres Ehepaar sehr ungerecht, weil der länger gesunde auch die eigenen Rücklagen bis auf das Schonvermögen verbrauchen muss und wenig für das bisschen "Extra" für ihn nachbleibt, wenn er es auch benötigen sollte.

Wie ungerecht das aber ist, zeigt sich besonders gut an Beispielen jüngerer Behinderter, denen man nicht nur das Selbstbestimmungsrecht, sondern auch alle Lebenschancen nimmt. Denn es darf jemand mit Arbeitassistenz "sogar" studieren. Wenn er dann aber dadurch fähig ist, ein Einkommen zu erzielen, dann bleibt davon nur der Sozialhilfesatz. Es ist nicht einmal möglich, sich z.B. ein behindertengerechtes Fahrzeug anzusparen (auch wenn man bereit ist, dafür dann eine Zeitlang von Kartoffeln und Wasser zu leben und die viertel Kinokarte des Warenkorbs nicht auszunutzen). Sobald das Anspar"vermögen" bei einem Alleinstehenden über 2.600 Euro steigt (und jeder weiß, dass es dafür kein behindertengerechtes Auto gibt - das kostet meist allein schon der Umbau), wird das "Vermögen" wieder angerechnet - heißt weggenommen. Und die Partnersuche, die bei gesunden oft nicht einfach ist bekommt noch eine Dimension dazu: auch der Partner muss bereit sein, sein weiteres Leben - unabhängig von seinem Einkommen und seinen sonstigen Verhältnissen - auf diesem Niveau zu verbingen.

Bei der ganzen Diskussion und Aufregung wird nämlich gern vergessen, dass es bei Pflegebedürftigkeit nicht nur um alte Menschen geht (die vielleicht in einem guten Pflegeheim sogar der Einsamkeit entfliehen können), sondern auch um Ehepaare, die sich nicht trennen wollen, junge Kranke (MS, ALS, SHT) oder von Geburt an eingeschränkte Menschen. Es geht auch nicht darum, nun jeden in ein persönliches Budget zu zwingen, es geht um echte Wahlfreiheit.

Noch einmal die Frage an Johannes:

Was darf es deiner Meinung nach höchstens kosten, auch diesen Menschen ein Leben, wie es für jeden ohne Überlegung selbstverständlich ist, zu leben? Selbst zu entscheiden, ob man zu Hause im Kreis der Angehörigen oder im gutgeführten Heim oder in einer Wohngruppe oder... leben will? Was ist für dich - der zu meinem Entsetzen ja auch noch christlich geprägt sein will - dieses Menschenrecht in Euro und Cent wert?

Grüße

Maria

_________________
Ich (08/50) kümmerte mich um meine Tochter (01/72, verstorben 05/14, MS, Pflegestufe 3), die mit 24 Stunden-Assistenz finanziert durch ein persönlichen Budget nach dem Arbeitgebermodell in ihrer eigenen Wohnung lebte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Was hältst Du vom persönlichen Budget?
#39Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Feb 2014, 16:39 
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Na, nun reißt mir doch nicht gleich den Kopf runter. Mir scheint, dass bewußt einige Teilaussagen benutzt werden, dies zu rechtfertigen.

Wurde nicht gelesen, dass ich das persönliche Butget vom Grundsatz her gut finde?

Wurde nicht gelesen, dass ich lediglich die allgemeine Anwendbarkeit mangels wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit/~bereitschaft der Gesellschaft in Frage stellte? Es ist eine Sache, dass die Volksvertreter immer weitere Töpfe aufmachen, aus denen die Bevölkerung sich bedienen dürfen soll. Es ist eine andere Sache, ob diese versprochenen Töpfe auch die entsprechenden Mittel enthalten, die gemachten Versprechen zu bedienen.
Code:
Wenn man das so liest, dann klingt das wirklich unverschämt: da kassiert doch tatsächlich jemand Steuergelder, um dann Lohn für Pflege = Gewinn einzustecken.

Wenn ich nicht selbst in der Situation wäre, für meine Eltern - derzeit nur noch Mutter - aufzukommen, könntet ihr vielleicht zu Recht zu der Vermutung kommen, ich hätte keine Ahnung von dem, wovon ich rede. Es ist nicht nur so, dass ich meine Mutter ganz konkret mitpflege, sondern als einziges von vier Kindern - abgesehen von der Leistung der Pflegekasse - mit meinen persönlichen finanziellen Mitteln ihre Versorgung sicherstelle. Nein, ich kassiere keine Steuergelder für die Versorgung meiner Mutter. Im Gegenteil, die von mir aufgewendeten Mittel werden vom Finanzamt nicht einmal als "außergewöhnliche Belastung" anerkannt. Damit ich aber nicht falsch verstanden werde - es gibt für mich keinen Grund, mich über diese Sachlage zu beklagen. Immerhin ist es meine Mutter!

Allerdings halte ich es für unangemessen, mir Unkenntnis vorzuhalten.
Code:
Ist Menschenwürde für dich eine Frage des Geldes?

Nein, ganz gewiss nicht! Sie hat m. E. überhaupt nichts mit Geld zu tun. Sie hat auch nichts mit dem Aufenthaltsort zu tun. Da ich durch meine Arbeit in einem Zeitraum von ca. 12 Jahren sowohl in den Häusern der Ärmsten als auch in den Häusern der Reichsten Einblicke gewinnen konnte, ist mir nicht unbekannt, wie unwürdig so mancher in "seiner" Wohnung lebt, ja leben muss. Da sind Pflegeheime gewiss nicht die schlechtesten Alternativen - auch wenn sie weder für jedermann erforderlich oder sinnvoll sind. Allein die Zahlen belegen, dass Pflegeheime nur für Wenige die Lösung sind - ca. 600.000 gegenüber ca. 2.000.000.

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 Betreff des Beitrags: Re: Was hältst Du vom persönlichen Budget?
#40Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Feb 2014, 18:12 
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Liebe Maria
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Was darf es deiner Meinung nach höchstens kosten, auch diesen Menschen ein Leben, wie es für jeden ohne Überlegung selbstverständlich ist, zu leben? Selbst zu entscheiden, ob man zu Hause im Kreis der Angehörigen oder im gutgeführten Heim oder in einer Wohngruppe oder... leben will? Was ist für dich - der zu meinem Entsetzen ja auch noch christlich geprägt sein will - dieses Menschenrecht in Euro und Cent wert?

Ich halte Dir zugute, dass Du in einer sauberen Wohnung mit vielen Erinnerungen lebst, wenn Du sagst "... ein Leben, wie es für jeden ohne Überlegung selbstverständlich ist ...". Ich halte Dir weiter zugute, dass Du die andere Seite eines selbstverständlichen Lebens nie kennen gelernt hast - und ich wünsch Dir das auch keinesfalls.

Drei Häuser neben mir wohnte ein Herr - sein selbstverständliches (?) Leben, der mir sein zuhause zeigte. In der Küche ein Herd, aus dem ein Baumstamm ragte, den er immer dann, wenn die Glut bis zur Herdtüre vorgedrungen war, weiter in den Herd schob. Auf dem Küchentisch einige Tassen mit langhaarigem Schimmel und übereinander gestapeltes, schmutziges Geschirr.

In Mannheim besuchte ich ein Ehepaar in seiner Wohnung - mitten in Mannheim. Die Türklinke klebte, in allen Räumen Unordnung, Dreck, die Wände zerkratzt von ihrer Katze. Nur zwei Erfahrungen - ein Leben, das für sie selbstverständlich war ... Aber sie sind nicht jeder! Sie sind Menschen von nebenan.

Beide kannten es nicht anders - es war für sie selbstverständlich, bis - ja, bis sie etwas anderes kennen lernten. Auf den ersten Blick wurden sie gezwungen, ihre Elendsquartiere zu verlassen - auf den ersten Blick. Erst, als sie eine andere Wirklichkeit kennen lernten und die Möglichkeit bekamen, zu vergleichen, änderte sich ihre Einstellung. Du bist entsetzt über meine Einstellung bei einer in Deinen Augen "angeblichen" christlichen Prägung. Wenn ein Christ Elend sieht, bemüht er sich, dieses Elend zu beseitigen. Richtig! Die Einen sind entsetzt darüber, die anderen werden darüber dankbar. So unterschiedlich sind die Menschen. Mit Deinem Entsetzen kann ich leben, aber die Dankbarkeit berührt mich mehr.

Es mag sein, dass ich in meiner Einstellung altmodisch bin, absolut nicht zeitgemäß. Aber ich denke nicht, dass ich mich dafür schämen muss.

Noch einmal - Menschenwürde lässt sich nicht in Mark und Pfennig bewerten, weil sie nichts mit Mark und Pfennig zu tun hat. Hierfür gelten andere Kriterien, die aber vielen Heutigen verloren gegangen sind.

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 Betreff des Beitrags: Re: Was hältst Du vom persönlichen Budget?
#41Ungelesener BeitragVerfasst: 11. Feb 2014, 22:37 
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Drei Häuser neben mir wohnte ein Herr - sein selbstverständliches (?) Leben, der mir sein zuhause zeigte. In der Küche ein Herd, aus dem ein Baumstamm ragte, den er immer dann, wenn die Glut bis zur Herdtüre vorgedrungen war, weiter in den Herd schob. Auf dem Küchentisch einige Tassen mit langhaarigem Schimmel und übereinander gestapeltes, schmutziges Geschirr.

In Mannheim besuchte ich ein Ehepaar in seiner Wohnung - mitten in Mannheim. Die Türklinke klebte, in allen Räumen Unordnung, Dreck, die Wände zerkratzt von ihrer Katze. Nur zwei Erfahrungen - ein Leben, das für sie selbstverständlich war ... Aber sie sind nicht jeder! Sie sind Menschen von nebenan.


Hallo Johannes,

auch für diese Menschen gehört es ohne Überlegung zum selbstverständlichen Leben dazu, dass sie zur Toilette gehen können, wenn sie müssen, die Nase putzen, wenn sie läuft, das Fenster aufmachen und frische Luft herein lassen oder sich dafür vor die Tür begeben, wenn sie Lufthunger haben, dann ins Bett zu gehen, wenn sie müde sind. Sie denken nicht darüber nach, dass sie sich nachts im Bett umdrehen, wenn die Glieder schmerzen und aufstehen und ein Glas Wasser trinken, wenn sie vor Durst nicht schlafen können.

Traurig, dass du nicht mal auf die Idee gekommen bist, ich könnte das mit
Maria hat geschrieben:
...auch diesen Menschen ein Leben, wie es für jeden ohne Überlegung selbstverständlich ist, zu leben? Selbst zu entscheiden, ob man zu Hause im Kreis der Angehörigen oder im gutgeführten Heim oder in einer Wohngruppe oder... leben will?


Was sollen mir deine Belehrungen, ich wüsste nicht wie "selbstverständliches Leben" auch aussieht, sagen? Dass ich zu naiv/unbedarft/unwissend/wenig lebensnah... bin um z.B.zu wissen, dass es Messis gibt, die Hilfe brauchen? Dass es einsame alte Menschen gibt, die ihren Haushalt nicht mehr allein bewältigen können? Dass es Menschen gibt, die zu arm sind, um in Wohnungen mit Elektroherd und Heizung zu wohnen?
Diese Menschen landen ausgerechnet in teureren Heimen wie dem deinen?
Was ist daran anders außer dem Alter als an Jugendlichen, die nie gelernt haben, vernünftig für sich zu sorgen und in verdreckten Wohnungen leben? Willst du die auch in Heime stecken, wo sie dir dann dankbar jeden Tag erzählen, wie schön es ist, von Pflegerinnen mit Frühstück versorgt zu werden? Wer von deinen Beispielen muss ins Heim und könnte nicht mit entsprechender Hilfe andere Wegen finden, hat also nicht die von mir eingeforderte Wahlfreiheit? Was hat das überhaupt mit dem Thema zu tun?

Menschenwürde lässt sich nicht in Mark und Pfennig bewerten, weil sie nichts mit Mark und Pfennig zu tun hat. Hierfür gelten andere Kriterien, die aber vielen Heutigen verloren gegangen sind.


Entschuldige bitte, Johannes. Ich bin eigentlich eher nicht für krasse Wortwahl bekannt, aber dieser Satz von dir ist schlichtweg unverschämt und ein feiges Ausweichen!

Du warst dir nicht zu schade, mal eben kurz die Frage aufzuwerfen, ob man es dem Nachbarn zumuten könne, für den "Zugewinn" eines Pflegenden Geld zu "spenden". Lass dir deine eigene Aufrechnung noch mal auf der Zunge zergehen:

Ja, dieses Unternehmen greift auf Mittel zurück, die es nicht erwirtschaftet hat. Es kommt ein weiterer Finanzier ins Boot, der Staat - um es klar auszusprechen, fremde Menschen, die keinerlei persönlichen Bezug zu Eurer Firma haben, sondern in die allgemeinen Sozialkassen ihre Abgaben leisten. Nun nimmst Du bei diesen fremden Menschen keinen Kredit auf, den Du irgendwann zurück zahlst, sondern nimmst staatlich verordnete Spenden Fremder an (der Staat zwingt seine Bürger, Steuern und Sozialabgaben zu zahlen), sie sind Euer beider Zugewinn = Gewinn.

Wenn Du also einmal ganz ehrlich bist und Deine Nachbarn vor die Wahl stellst, Dir ca. 1.500 € oder 6.000 € zur Verfügung zu stellen mit dem Wissen, sie nie wieder zu sehen - was glaubst Du, werden sie wählen?


Du schreibst außerdem noch:

Ist es nicht so, dass die meisten Pflegebedürftigen nicht des Geldes wegen zu Hause gepflegt werden, sondern weil es eine originär familiäre Aufgabe war und von vielen noch so gesehen wird


Das zusammen heißt nichts anderes als:

Ein "anständiger" Ehepartner/Kind/Elterteil.. pflegt gefälligst seinen Pflegebedürftigen für ein Vergelt's Gott zuhause und lässt die Gesellschaft mit Klagen, Hilfsersuchen oder gar Beteiligungswünschen in Tat und Geld in Ruhe. Allenfalls darf er sich seiner Pflicht durch die Unterbringung in einem Heim entziehen. Das hat erstens den Vorteil, dass Behinderte und kranke außer Sicht bleiben und zweitens, dass Pflegeheimbetreiber sich als gute Menschen und Christen fühlen können, die barmherzigerweise Angehörigen und Kranken unter die Arme greifen und helfen. Und wenn sie schon so edel sind, dann dürfen sie auch die Regeln bestimmen und Dankbarkeit erwarten.

Wenn ein Christ Elend sieht, bemüht er sich, dieses Elend zu beseitigen. Richtig! Die Einen sind entsetzt darüber, die anderen werden darüber dankbar. So unterschiedlich sind die Menschen. Mit Deinem Entsetzen kann ich leben, aber die Dankbarkeit berührt mich mehr.

Es mag sein, dass ich in meiner Einstellung altmodisch bin, absolut nicht zeitgemäß. Aber ich denke nicht, dass ich mich dafür schämen muss.

Schämen solltest du dich der Sünde des Hochmuts. Du maßt dir an, zu bestimmen, wie von dir erkanntes Elend beseitigt werden sollte und tust das nur nach deinen Maßstäben. Denen, die dir dankbar sind, hast du keine Wahl gelassen, weil du Alternativen gar nicht erst in Betracht ziehst. Und zusätzlich bezichtigst du die, die andere Wege gehen wollen der Sünde der Habgier. Das nennst du christlich? Das ist Nächstenliebe?

Maria

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 Betreff des Beitrags: Re: Was hältst Du vom persönlichen Budget?
#42Ungelesener BeitragVerfasst: 12. Feb 2014, 13:21 
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Zum (für mich) Abschluss dieser unseligen Debatte noch zwei Dinge:

Das eine sind die angeblich so viel höheren Kosten häuslicher Pflege nach dem Arbeitgebermodell. Die Endsumme auf dem Papier ensteht dadurch, dass nicht gleichwertige Leistungen miteinander verglichen werden. Würde man den Personalschlüssel in allen Pflegeeinrichtungen so bemessen, dass nicht Pflege nach Dienstplan für die Pfleglinge und im Galopp mit wenig Zeit für zwischenmenschlichen Umgang die Regel wäre - würde man Zeit einplanen für aktivierende Pflege und Teilhabe (die oft fast ganz unter den Tisch fällt und/oder mit einem seltenen gemeinsamen Heimausflug abgearbeitet wird), dann wäre die Heimpflege auch ohne den häuslichen Personalschlüssel eins zu eins nicht "billiger" als ein persönliches Budget für einen zuhause versorgten Menschen. Dass die Wirklichkeit von den in den Hochglanzbroschüren der Heime dargestellten Bedingungen tatsächlich abweicht, beweisen zahllose Initiativen von Mitarbeitern ála Pflege in Not oder Pflege am Boden oder... die es nicht von ungefähr gibt. Pflege im Heim ist "billiger", weil sie viele Rechte - auch aus der UN-Konvention - unter den Tisch fallen lässt.

Was "Insider" wie du von den Leistungen der Angehörigen oder den von ihnen beaufsichtigten Pflegepersonen halten, wie hochmütig sie sich für die "besseren Pfleger" halten, zeigt deine ablenkende und Achims bewusst ins Gegenteil verkehrende Aussage von 2011 zum Thema "gleichwertige Versorgung" (die Achim damals mit Recht angezweifelt hatte):
Johannes hat geschrieben:
Die Versorgung im Heim muss den gesetzlichen Regeln entsprechen, sonst gibt's was auf die Mütze. Das wird im der häuslichen Umgebung nicht gefordert
.

Das zweite und wichtigere ist das, was auch Ingo richtig schrieb:

Ingo hat geschrieben:
Ich möchte nur kurz hinzufügen dass es hier um Menschenrechte geht.
Jeder Mensch hat das Recht seinen Wohnort frei zu wählen.


Ein mittelalterlicher Bauer hätte dich verständnislos angeschaut, wenn du ihn gefragt hättest, warum sein Sohn nicht in die Schule geht. Dieses Recht war für niedere Stände nicht vorgesehen. Und da du ja so "christlich" bist: hätte dein Fürst die Religion gewechselt, wärest auch du nicht länger katholisch sondern evangelisch. Erst im Laufe der weiteren Menschheitsentwicklung haben sich Menschen darauf geeinigt, dass Rechte für alle ohne Ansehen der Person gelten müssen. Erst in der amerikanischen Verfassung von 1789 wurde das erste Mal niedergeschrieben, dass alle Menschen gleich geboren sind, kurz danach 1791 in England die Bill of Rights in Kraft gesetzt, in der ebenfalls das erste Mal allgemeine Menschenrechte deklariert wurden.

Wie wir alle wissen, ist durch ein Gesetz nicht gleich eine lange Geschichte in den Köpfen der Menschen ausgelöscht. Bis heute sind gleiche Rechte und Menschnwürde für alle noch lange nicht verwirklicht. (Die Erkenntnis, dass z.B. Frauen Menschen sind, denen Wahlrecht und ähnliches zusteht ist auch bei uns grad mal 100 Jahre alt). Kein Wunder, dass Behinderte mit ihrer kleinen Lobby es noch schwerer haben, Grundrechte durchzusetzen.


Dennoch: Es gibt diese "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen".

http://de.humanrights.com/what-are-huma ... ights.html

Und im Rahmen dieser Erklärung hat die UN eine besonder Konvention zu den Rechten behinderter Menschen erarbeitet, die 2008 auch vom Deutschen Bundestag ratifiziert wurde. Die Rechte in dieser Konvention gehen nicht über die Rechte nichtbehinderter Menschen hinaus, sie stellt vielmehr klar, dass und welche Rechte eben für alle gelten sollen.

http://www.inklusion-online.net/index.p ... ew/159/159

Diese lange, ausführliche Diskussion in der UN, die Klarstellung dessen, dass jeder Mensch seine Menschenwürde leben darf, verkommt bei dir zu
Johannes hat geschrieben:
Selbstverständlich hat der Staat hier einen Rechtsanspruch formuliert, sonst würden wohl die meisten Fremden nicht bereitwillig ihr sauer verdientes Geld für Euch zur Verfügung stellen. So kann sich der Staat mit dem Attribut "sozial" schmücken.
Du stellst Menschenrechte auf eine Stufe mit sozialen Steuerungsmittel z.B. Betreuungsgeld für Kleinkinder, mit dem man die Geburtenhöhe beeinflussen möchte. Solche sozialen "Wohltaten" kann ein Staat einführen und abschaffen, wie er es für richtig hält.

Im Fall der Rechte von Behinderten irrst du und hast nichts verstanden:

Das Recht eines behinderten Menschen, seinen Wohnort selbst zu bestimmen ist genauso unveräußerlich wie das eines Nichtbehinderten. Erst dann kommt die Frage nach der Finanzierung (die, wie ich oben anmerkte, rechtn scheinheilig geführt wird) Zweifelst du dieses Recht an, weil du es "zu teuer" findest, wenn zu viele Menschen feststellen, dass Heime Pflege nach Dienstplan und nicht nach Bedürfnis bieten wollen und lieber Alternativen nutzen, dann musst du mit dem Vorwurf leben, Menschenwürde wäre für dich eine Frage des Geldes.

Es ist gleichwohl völlig egal. Die UN-Konvention gilt. Ein Staat kann zwar Rechte aus finanziellen Gründen verwehren - solange es Menschen mit genug Kraft gibt, die den Weg vor die Gerichte nicht scheuen, wird er am Ende vom Internationelen Gerichtshof eines besseren belehrt. Bleibt an dich die Frage, wie christlich du es findest, Menschen Rechte vorzuenthalten, in der Hoffnung, sie hätten nicht genug Kraft, sie durchzusetzen - aber das musst du mit dir selbst ausmachen.

Ich schließe für mich diese emotional sehr belastende Diskussion ab.

Maria

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